Eine unangenehme Auseinandersetzung
In den Ferien hat sie sich plötzlich hinterrücks angeschlichen: meine innere Rächerin. Die Rächerin ist wütend. Nicht ärgerlich, zornig, gestresst oder aufgebracht. Sie ist rasend und tobend wütend. Sie hat weder Verständnis, noch Mitgefühl. Nachdenken oder innehalten mag sie auch nicht. Sie möchte mindestens schreien, aber lieber noch dreinschlagen und ist durchaus in der Lage zu töten. Sie ist unkontrolliert und grausam, wie es Rächerinnen nun mal sind.
Ihr brennender Hass richtet sich gegen Männer. Gegen alle Männer, ohne Ausnahmen. Sie ist nicht sehr differenziert. Ziemlich blöd, wenn sie gerade aktiv wird und ein lieber und nahestehender Mann, z.B. in Gestalt des Partners oder des Sohnes, in der Nähe ist. Auch blöd, wenn es ein Mann mit Einfluss, wie ein Vorgesetzter oder Kunde, ist. Wenn gerade kein Mann da ist, richtet sich die Rächerin gern auch gegen den Inbegriff des Männlichen: das Patriarchat. Dieses schwammige grosse Etwas, was die aktuelle Gesellschaft bestimmt und vermeintlich mehrheitlich durch Männer gesteuert wird. Die Strukturen, die Diskriminierung, die Einschränkungen, die Gewalt, die Ausbeutung… All das möchte die Rächerin ganz einfach zerschlagen. Doch da tritt reflexartig die Gegenspielerin der Rächerin auf die Bühne: das nette Mädchen. Sie übernimmt das Zepter, lächelt und ist lieb. Die Rächerin wird runtergeschluckt und tief im Unterbewusstsein vergraben. Das ist viel ungefährlicher.
Ich denke, jede Frau, die eine Form von einem Übergriff oder Unterdrückung erlebt hat, hat in ihrem Inneren einen Rächerinnen-Anteil. Wahrscheinlich sogar jede Frau. Die wilde, Chaos stiftende und zerstörende Frau lebt genauso in uns wie die liebende, sorgende und kreierende Frau. Kulturell dargestellt wird sie z.B. in der altorientalischen in der Bibel erwähnten Dämonin Lilith, in der hinduistischen Göttin Kali, in der Medea aus der griechischen Mythologie oder als Kiddo in Tarantinos Film Kill Bill.
Mir hat es geholfen, der Rächerin ins Gesicht zu schauen und sie anzuerkennen. Ich bin mit ihr in Kontakt und verstehe sie. Ich lasse sie allerdings nicht mehr einfach wüten ohne Rücksicht auf Verluste. Die Männer in meinem Leben haben das verdient. Sie tragen keinerlei Verantwortung für mein Innenleben. Auch nicht für die aktuelle Weltsituation und meine Unzufriedenheit damit. Studien zeigen, dass Jungen von ihren Müttern (und anderen Erwachsenen wie Kinderbetreuerinnen) anders als Mädchen behandelt werden. Weniger liebevoll. Sie werden seltener angelächelt und länger weinen gelassen. Das ist falsch, sehr falsch. Und vermutlich nur die Spitze eines Eisbergs. Ich finde es an der Zeit, diesem heiklen Feld Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist Zeit, Verständnis für die Rächerinnen zu haben und sich gleichzeitig der Auswirkungen eines unbewussten Wirkens dieser Anteile klar zu werden. Das tut weh, deswegen wagen es noch nicht viele.
Die Zorneskraft der Rächerin kann auch dienen. Kali gilt als Göttin der Erneuerung und Befreiung und wird bis heute verehrt. Lilith war angeblich Adams erste Frau, die sich diesem nicht unterwerfen wollte und daher durch die brave Eva ersetzt wurde. Medea und Kiddo wehren sich gegen Unrecht, das ihnen angetan wurde und erhalten endlich Respekt, in dem sie gefürchtet werden.
Was wäre für unsere Gesellschaft möglich, wenn die Frauen die Kraft der Rächerin bewusst nutzen würden? Gäbe es noch so viel Kindesmissbrauch und Gewalt gegen Schwächere, wenn Frauen emotional, finanziell und strukturell unabhängig von Männern wären? Wenn sie sich ohne Opferhaltung und Angst selbstbestimmt und selbstverantwortlich für ihre eigenen Anliegen und die Anliegen ihrer Kinder einsetzen würden. Wenn sie ohne Kampf und unbeirrt von äusseren Erwartungen und Narrativen ihr eigenes Ding durchziehen würden. Wenn sie ihre Nettigkeit uneingeschränkt sich selbst gegenüber zeigen würden. Und was würde geschehen, wenn Frauen sich frei und mitfühlend den Männern (vor allem auch denen, die sie lieben) zuwenden können? Weil sie sich sicher fühlen – in sich selbst und in der Gesellschaft.
Ich glaube, dass erst dann, wenn wir unsere eigenen Abgründe anschauen und einiges innerlich aufwirbeln, etwas Neues entstehen kann. Eine friedlichere Welt für Frauen und Männer und vor allem für Kinder und somit für die Zukunft der Menschheit. Dafür ist es wert, gelegentlich unbequeme innerliche Auseinandersetzungen zu führen.

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